Das "Westerburer Neuland"

Axel Heinze • 4. Januar 2026

- ein früher Polder in der Dornumer Bucht

Ein Stück Kulturlandschaftsgeschichte von Axel Heinze

Unsere Landschaft ist ein historisches Dokument! Die Geschichte ihrer Kultivierung hat darin ihre 
Spuren hinterlassen. Leider haben wir in der Schule nicht gelernt, diese Spuren zu lesen. Die
Dornumer Bucht bietet mit dem Westerburer Neuland ein gutes Beispiel für diese Kulturtechnik,
versuchen wir es einmal!

Das Westerburer Neuland in der aktuellen topographischen Karte (aus: www.umweltkarte-niedersachsen.de)


Das Westerburer Neuland ist die Marschenlandschaft östlich von Westeraccumersiel. Wenn wir vom Siel aus Richtung Pumpsiel fahren, erstreckt sich rechts der Straße eine flache Marschenlandschaft.

Auf der linken Seite folgt die Straße einem alten Seedeich.


Hier wurde also offenbar ein früheres Deichvorland durch einen Deich in einen Polder verwandelt.

Auffällig ist die Flureinteilung. Im Bereich des Westerburer Neulandes sind es sechs weitgehend parallele Nord-Süd-Streifen, in denen jeweils an der Straße ein landwirtschaftlicher Betrieb zu finden

war.


Ausschnitt der Regemort- Karte aus dem Jahr 1670, Ergänzungen von Axel Heinze

Weiter westlich in Bereich des Westeraccumer Neulandes sind die Streifen auch auf die Straße

ausgerichtet, die hier aber nicht einem Deich, sondern dem Wasserlauf der Accumer Ee folgt. Auch

hier liegen drei Höfe an der Straße, während der nördliche Teil vom Sielhof bewirtschaftet wurde, wie

die Flurnamen verraten.


Diese Einteilung zeugt von einer geplanten Anlage. Landgewinnung war eine Sache des Landesherrn,

hier die Häuptlinge des Harlingerlandes mit dem Sitz in Esens. Die Höfe auf optimalem

Marschenboden konnten verkauft oder verpachtet werden und brachten dem Landesherrn die

Kosten des Deichbaues bequem wieder ein. Der Name „Nieuwe Caemer Landen“ bezeugt hier für den

Zeitpunkt noch den Besitzt der Kämmerei im Harlingerland, also des Landesherrn.


Diese neue Deichlinie war in der Zeit um 1610 errichtet worden, nachdem sich genügend deichreifes

Land vor dem mittelalterlichen Seedeich gebildet hatte.


Die Südseite des Polders bildet die mittelalterliche Deichlinie, die noch schwach in der Landschaft

erkennbar ist und in weiten Teilen durch Wege erschlossen ist. Allerdings zeigt sich hier im östlichen

Bereich eine Unregelmäßigkeit. Offenbar hatte hier ein Deichbruch die Deichlinie an einer Stelle

zerstört. Man reparierte diesen Bruch durch einen weiträumigen Einlagedeich, der heute noch durch

die Wegeführung erkennbar ist.


Diese Eindeichung betraf natürlich nicht nur die Ostseite der Accumer Ee. Auch auf der Westseite dieses Wasserlaufes wurde ein Deich von Dornumer Grode bis an das neue gemeinsame Siel gebaut.


Dieses dort gewonnene Land gehörte der Herrlichkeit Dornum und erhielt den Namen „Damms Land“nach der Warft Damm, die bis dahin in der alten Deichlinie lag.



Doch bleiben wir auf der Ostseite des Tiefs. Dieses neu gewonnene Land erhielt ebenfalls eine

Einteilung in parallele Streifen und wurde der Gemeinde Westeraccum zugeordnet, denn das

Sielbauwerk gehörte ja mit zur Gemarkung von Westeraccum. Der Bereich zwischen den ehemaligen

Außentiefs erhielt den Namen „Wester Nieve Camer Landen“ und gehörte damit eindeutig zum

Harlingerland. Nach einem Flurnamen habe ich diesen Bereich als „Deepland“ bezeichnet, das Land

zwischen den beiden Außentiefs. Dieser Bereich wurde später von dem Hof „Altensiel“ aus

bewirtschaftet. Diese Abgrenzungen zeigen sich später noch in den Grenzen der Gemeinden

Westerbur, Westeraccumersiel und Westeraccum.

Entwicklung des Polders

Junge Deiche sind immer gefährdet und bereits im Jahr 1625 entstand im östlichen Drittel ein großer

Kolk (25./26. Februar 1625 Fastnachtsflut), der im weiten Bogen außen auf dem Vorland umdeicht

wurde. Er ist heute noch kurz vor der ehemaligen Schule zu sehen und mit einer Infotafel versehen.


Kolk von 1625 im Deich des Westerburer Neulandes Foto: Axel Heinze


Auch bei der Weihnachtsflut 1717 muss der Polder massive Schäden erlitten haben. In dieser

Sturmflut wurde die gesamte Marsch des westlichen Harlingerlandes bis an den Geestrand überflutet

und die Höfe hinter der Deichlinie müssen weitgehend zerstört worden sein, wie der Drost Christian

Wilhelm von Münnich und der Amtmann Johann Phillip Brenneysen nach Aurich berichteten. Die

Campsche Karte von 1806 verzeichnet nur noch 5 Höfe in diesem Bereich.


Fridrich Arends in seiner „Erdbeschreibung des Fürstenthums Ostfriesland und des Harlingerlandes“

im Jahr 1824 benutzt zum ersten Mal den Namen „Westerburer Neuland“ und erwähnt dort 65

Einwohner.


Im Jahr 1825 wird der Deich nur wenig östlich von Westeraccumersiel bei einer Sturmflut zerstört.

Der Kolk wird wiederum nach außen umdeicht, die Deichbucht ist noch deutlich zu erkennen.

Allerdings sind danach nur noch zwei Höfe auf der Papenschen Karte von 1840 an der Straße zu

finden; an dem Kolk entstehen zwei kleine Landarbeiterstellen, von denen heute nur noch eine als

Ferienhaus existiert. Zwei Höfe wurden auf der mittelalterlichen Deichlinie neu errichtet. Vermutlich

hatten alle Höfe Schäden erlitten und diese beiden Besitzer zogen den Platz auf der weiter

zurückliegenden Deichlinie vor, da er auch etwas höher war. Davon ist heute nur noch der Hof

„Friedland“ erhalten.



Im Jahr 1937 wurde im östlichen Bereich des Westerburer Neulandes eine zentrale Schule mit Lehrerwohnungen für die Gemeinden Westerbur, Middelsbur, Westeraccumersiel und Dornumersielerbaut, die bis zur Schulreform 1962 genutzt wurde.



Heute ist daraus eine Anlage mit Ferienwohnungen entstanden. Zwei der landwirtschaftlichen Betriebsgebäude werden heute nur noch als Wohngebäude genutzt, während das dritte abgebrochen wurde und die Fläche heute als Lagerplatz genutzt wird.

Die gesamte Fläche des Polders wird einheitlich intensiv als durch Ackerland genutzt.

Im nördlichen Teil des Westeraccumer Neulandes entstand der Sielhafen Westeraccumersiel, der zum

Ende des 19. Jahrhunderts eine eigene Gemeinde wurde, während der südliche Teil der Gemeinde

Westeraccum zugeordnet wurde. Das Westerburer Neuland wurde Bestandteil der Gemeinde

Westerbur. Diese alten Grenzen spielen heute keine Rolle mehr, da der gesamte Bereich zur

Einheitsgemeinde Dornum gehört. Allerdings hat sich Westeraccumersiel mit Ferienwohnungen

massiv in den Bereich der ehemaligen landwirtschaftlichen Nutzflächen ausgedehnt, ein Schicksal,

das dem Westerburer Neuland erspart blieb.


Fazit


Aus dem ursprünglichen Deichvorland der Dornumer Bucht entstand ein Polder mit intensiver

landwirtschaftlicher Nutzung auf einem hochwertigen Marschenboden. Ursprünglich bot die Fläche

sechs landwirtschaftlichen Betrieben eine genügende Basis. Im Lauf der Jahrhunderte wurde der

Polder mehrfach von katastrophalen Deichbrüchen betroffen, behielt aber seine Funktion bis heute.

Nur wird er heute offenbar von einem außerhalb gelegenen Betrieb bewirtschaftet. Aber die Spuren

seiner Entwicklung sind noch gut im Landschaftsbild nachvollziehbar. Er ist damit ein Beispiel für die

Entwicklung der Kulturlandschaft Polder an der Marschenküste in vier Jahrhunderten.


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Bekanntlich ist Ostfriesland mit Deichen gegen die Gewalt des Meeres geschützt. Diese grünen endlosen mächtigen Wälle kennt jeder. Sie halten das salzige Nordseewasser draußen, vor allem bei Stürmen, aber auch bei normaler Ebbe und Flut. Aber Deiche haben auch eine andere Wirkungen. Sie halten das Regenwasser drinnen, es kann ja nicht über den Deich klettern. Wenn Menschen einen Deich bauen, müssen sie etwas bedenken, um das – manchmal reichliche –- Regenwasser ins Meer zu schaffen. Und diese Einrichtung nennt man „Siel“. Zu Anfang des Deichbaus war das eine hölzerne Röhre durch den Deich. Außen war eine Klappe davor. Bei Niedrigwasser konnte das Wasser die Klappe selbst aufdrücken und frei abfließen. Kam draußen die Flut, drückte sie die Klappe zu. Dann musste das Salzwasser draußen bleiben.
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25. Februar 2021
Ein interessanter Aufsatz, den Axel Heinze als Festschrift anlässlich der Verabschiedung von Dr.Bärenfänger (Landschaftsdirektor) verfasste. Auslöser dieser Überlegungen ist das vielfach geäußerte Interesse von Einwohnern des Harlingerlandes an der Weihnachtsflut von 1717 und den Auswirkungen dieser Sturmflut in diesem Gebiet, denn diese Katastrophe hatte wohl hier ihren Schwerpunkt. Glücklicherweise gibt es zahlreiche Augenzeugenberichte, die auch sehr detaillierte Aussagen über das Ausmaß der Schäden erlauben. Trotz der nahezu völligen Zerstörung vieler Siedlungen in der Marsch wurden sie sehr schnell wiederhergestellt und bewohnt, obwohl sich solche Ereignisse doch jederzeit wiederholen konnten. Daraus folgt unmittelbar die Frage: Warum haben Menschen diesen lebensgefährlichen Raum überhaupt erschlossen und welche Fehler haben sie vielleicht bei der Erschließung gemacht? Marsch Unter „Marsch“ wird hier die fast flache Landschaft an einer Gezeitenküste verstanden, die bei normaler Flut nicht überflutet wird, aber bei Sturmfluten – also windbedingt erhöhten Wasserständen – mehrfach im Laufe eines Winters mehr oder weniger vom Wasser überdeckt wird. Handelt es sich um den Küstenbereich eines Meeres, so wird sie von Salzwasser überflutet (Küstenmarsch). In den Ästuarien wird das Wasser zunehmend brackisch bis schließlich ganz süß (Flussmarsch). Dieser Faktor ist entscheidend für die Pflanzengesellschaften, die sich hier entwickeln. Zudem ist die Sedimentation unterschiedlich, aber die Prozesse sind weitgehend vergleichbar (Zur Entstehung des Naturraumes siehe Behre 2008; 2014). Ein weiterer notwendiger Faktor ist ein langsames Anwachsen des Meeresspiegels gegenüber der Landeshöhe. Dabei spielt es keine Rolle, ob der Meeresspiegel wirklich steigt oder der Boden sinkt, die Auswirkung bleibt gleich. Natürliche Höhenunterschiede ergeben sich zum Beispiel durch Uferwälle an Wasserläufen, wo vor allem oberhalb von Prallhängen relativ grobes Material abgelagert wird. Je nach Größe des Gewässerlaufes können solche Wälle Höhen von mehr als einem Meter erreichen, sind aber in ihrer Längenausdehnung immer beschränkt. Anders ist die Entwicklung parallel zur Küstenlinie. Auch hier wird bei Überflutungen gröberes Material in einigem Abstand von der Küstenlinie weitflächig abgelagert und bildet einen flacheren, aber wesentlich breiteren und oft sehr langen küstenparallelen Wall. Für dieses Phänomen wird in der niederländischen Geologie der Begriff „Kwelderwall“ benutzt, der sich als „Küstenwall“ übersetzen lässt. Bäume sind in der natürlichen Küstenmarsch kaum zu erwarten, da unsere Baumarten keinen Salzgehalt im Wasser vertragen. Die dominierende Pflanzenart ist das Schilf (Phragmitis) mit einer recht guten Salzresistenz und einer sehr guten Wasserverträglichkeit. Zudem stellt es keine besonderen Ansprüche an die Bodenart, solange genügend Nährstoffe zur Verfügung stehen. Die Bodenarten sind in der Marsch sehr unterschiedlich. An Korngrößen stehen nur Sand, Ablagerung, da Überflutungswasser hier oft lange Zeit steht und so auch Tonmineralien zur Ablagerung kommen, während Sand hier nicht mehr hingelangt und der Schluff-Anteil immer geringer wird. Schlick entsteht vor allem in der Übergangszone von Salz- und Süßwasser durch Ausfällung und biologische Prozesse, so dass er in der Flussmarsch dominiert und Schluff und Tonmineralien zur Verfügung. Auf den „Wällen“ dominieren Sand und Schluff, eventuell noch begleitet von einzelnen Muschelschalen, da hier die Wasserbewegung für feinere Sedimente zu groß ist. Weiter entfernt von Küste und Wasserläufen gelangt nur Schluff mit unterschiedlich hohen Tonanteilen zur mit zunehmendem Abstand von Fließrinnen fast nur noch als Ton mit einem geringen Schluff-Anteil abgelagert wird.
Mirja Harms im Zwei-Siele-Museum
4. September 2020
Auf diesem Foto hat Mirja Harms noch gut 300 Arbeitsstunden und zwölf Wochen vor sich! (Bild: Handwerkskammer) Mittlerweile ist die Wand freigelegt und strahlt im alten Glanz. Im folgenden Bereicht, der am 03.09.20 im Anzeiger für Harlingerland erschien, erfahren Sie neben den Informationen zur Wandfreilegung auch etwas über Mirja Harms und ihren überaus interessanten Beruf als Restauratorin.
Denkmalschutz Naturschutz
22. August 2019
Wir hatten das Haus „Am alten Hafen 1“ in Westeraccumersiel erworben, um es zu sanieren und dort das „Zwei-Siele-Museum“ und die K.-H.-Wiechers-Stiftung unterzubringen. Aber bei genauerer Besichtigung des Gebäudes ergab sich ein Hindernis, mit dem wir zunächst nicht gerechnet hatten. Das Haus war immer unbeheizt gewesen, da es nur im Sommer genutzt wurde. Gleichzeitig war der Keller oder besser das ‚Niederhaus‘ durch mangelnde Drainage immer etwas feucht. Zudem fiel durch die Fenster in nordwestlicher Richtung immer ein dämmriges Licht in diese Räume. Genau das sind die Lebensbedingungen, welche die Hirschzunge (Asplenium scolopendrium) bevorzugt; ein geschützter Farn unserer Region, den man sonst nur in Gebirgsschluchten findet. Hier aber wuchs er im Keller eines denkmalgeschützten Hauses dicht an der Küste.