Das "Westerburer Neuland"
- ein früher Polder in der Dornumer Bucht
Ein Stück Kulturlandschaftsgeschichte von Axel Heinze
Unsere Landschaft ist ein historisches Dokument! Die Geschichte ihrer Kultivierung hat darin ihre
Spuren hinterlassen. Leider haben wir in der Schule nicht gelernt, diese Spuren zu lesen. Die
Dornumer Bucht bietet mit dem Westerburer Neuland ein gutes Beispiel für diese Kulturtechnik,
versuchen wir es einmal!
Das Westerburer Neuland ist die Marschenlandschaft östlich von Westeraccumersiel. Wenn wir vom Siel aus Richtung Pumpsiel fahren, erstreckt sich rechts der Straße eine flache Marschenlandschaft.
Auf der linken Seite folgt die Straße einem alten Seedeich.
Hier wurde also offenbar ein früheres Deichvorland durch einen Deich in einen Polder verwandelt.
Auffällig ist die Flureinteilung. Im Bereich des Westerburer Neulandes sind es sechs weitgehend parallele Nord-Süd-Streifen, in denen jeweils an der Straße ein landwirtschaftlicher Betrieb zu finden
war.
Weiter westlich in Bereich des Westeraccumer Neulandes sind die Streifen auch auf die Straße
ausgerichtet, die hier aber nicht einem Deich, sondern dem Wasserlauf der Accumer Ee folgt. Auch
hier liegen drei Höfe an der Straße, während der nördliche Teil vom Sielhof bewirtschaftet wurde, wie
die Flurnamen verraten.
Diese Einteilung zeugt von einer geplanten Anlage. Landgewinnung war eine Sache des Landesherrn,
hier die Häuptlinge des Harlingerlandes mit dem Sitz in Esens. Die Höfe auf optimalem
Marschenboden konnten verkauft oder verpachtet werden und brachten dem Landesherrn die
Kosten des Deichbaues bequem wieder ein. Der Name „Nieuwe Caemer Landen“ bezeugt hier für den
Zeitpunkt noch den Besitzt der Kämmerei im Harlingerland, also des Landesherrn.
Diese neue Deichlinie war in der Zeit um 1610 errichtet worden, nachdem sich genügend deichreifes
Land vor dem mittelalterlichen Seedeich gebildet hatte.
Die Südseite des Polders bildet die mittelalterliche Deichlinie, die noch schwach in der Landschaft
erkennbar ist und in weiten Teilen durch Wege erschlossen ist. Allerdings zeigt sich hier im östlichen
Bereich eine Unregelmäßigkeit. Offenbar hatte hier ein Deichbruch die Deichlinie an einer Stelle
zerstört. Man reparierte diesen Bruch durch einen weiträumigen Einlagedeich, der heute noch durch
die Wegeführung erkennbar ist.
Diese Eindeichung betraf natürlich nicht nur die Ostseite der Accumer Ee. Auch auf der Westseite dieses Wasserlaufes wurde ein Deich von Dornumer Grode bis an das neue gemeinsame Siel gebaut.
Dieses dort gewonnene Land gehörte der Herrlichkeit Dornum und erhielt den Namen „Damms Land“nach der Warft Damm, die bis dahin in der alten Deichlinie lag.
Doch bleiben wir auf der Ostseite des Tiefs. Dieses neu gewonnene Land erhielt ebenfalls eine
Einteilung in parallele Streifen und wurde der Gemeinde Westeraccum zugeordnet, denn das
Sielbauwerk gehörte ja mit zur Gemarkung von Westeraccum. Der Bereich zwischen den ehemaligen
Außentiefs erhielt den Namen „Wester Nieve Camer Landen“ und gehörte damit eindeutig zum
Harlingerland. Nach einem Flurnamen habe ich diesen Bereich als „Deepland“ bezeichnet, das Land
zwischen den beiden Außentiefs. Dieser Bereich wurde später von dem Hof „Altensiel“ aus
bewirtschaftet. Diese Abgrenzungen zeigen sich später noch in den Grenzen der Gemeinden
Westerbur, Westeraccumersiel und Westeraccum.
Entwicklung des Polders
Junge Deiche sind immer gefährdet und bereits im Jahr 1625 entstand im östlichen Drittel ein großer
Kolk (25./26. Februar 1625 Fastnachtsflut), der im weiten Bogen außen auf dem Vorland umdeicht
wurde. Er ist heute noch kurz vor der ehemaligen Schule zu sehen und mit einer Infotafel versehen.
Auch bei der Weihnachtsflut 1717 muss der Polder massive Schäden erlitten haben. In dieser
Sturmflut wurde die gesamte Marsch des westlichen Harlingerlandes bis an den Geestrand überflutet
und die Höfe hinter der Deichlinie müssen weitgehend zerstört worden sein, wie der Drost Christian
Wilhelm von Münnich und der Amtmann Johann Phillip Brenneysen nach Aurich berichteten. Die
Campsche Karte von 1806 verzeichnet nur noch 5 Höfe in diesem Bereich.
Fridrich Arends in seiner „Erdbeschreibung des Fürstenthums Ostfriesland und des Harlingerlandes“
im Jahr 1824 benutzt zum ersten Mal den Namen „Westerburer Neuland“ und erwähnt dort 65
Einwohner.
Im Jahr 1825 wird der Deich nur wenig östlich von Westeraccumersiel bei einer Sturmflut zerstört.
Der Kolk wird wiederum nach außen umdeicht, die Deichbucht ist noch deutlich zu erkennen.
Allerdings sind danach nur noch zwei Höfe auf der Papenschen Karte von 1840 an der Straße zu
finden; an dem Kolk entstehen zwei kleine Landarbeiterstellen, von denen heute nur noch eine als
Ferienhaus existiert. Zwei Höfe wurden auf der mittelalterlichen Deichlinie neu errichtet. Vermutlich
hatten alle Höfe Schäden erlitten und diese beiden Besitzer zogen den Platz auf der weiter
zurückliegenden Deichlinie vor, da er auch etwas höher war. Davon ist heute nur noch der Hof
„Friedland“ erhalten.
Im Jahr 1937 wurde im östlichen Bereich des Westerburer Neulandes eine zentrale Schule mit Lehrerwohnungen für die Gemeinden Westerbur, Middelsbur, Westeraccumersiel und Dornumersielerbaut, die bis zur Schulreform 1962 genutzt wurde.
Heute ist daraus eine Anlage mit Ferienwohnungen entstanden. Zwei der landwirtschaftlichen Betriebsgebäude werden heute nur noch als Wohngebäude genutzt, während das dritte abgebrochen wurde und die Fläche heute als Lagerplatz genutzt wird.
Die gesamte Fläche des Polders wird einheitlich intensiv als durch Ackerland genutzt.
Im nördlichen Teil des Westeraccumer Neulandes entstand der Sielhafen Westeraccumersiel, der zum
Ende des 19. Jahrhunderts eine eigene Gemeinde wurde, während der südliche Teil der Gemeinde
Westeraccum zugeordnet wurde. Das Westerburer Neuland wurde Bestandteil der Gemeinde
Westerbur. Diese alten Grenzen spielen heute keine Rolle mehr, da der gesamte Bereich zur
Einheitsgemeinde Dornum gehört. Allerdings hat sich Westeraccumersiel mit Ferienwohnungen
massiv in den Bereich der ehemaligen landwirtschaftlichen Nutzflächen ausgedehnt, ein Schicksal,
das dem Westerburer Neuland erspart blieb.
Fazit
Aus dem ursprünglichen Deichvorland der Dornumer Bucht entstand ein Polder mit intensiver
landwirtschaftlicher Nutzung auf einem hochwertigen Marschenboden. Ursprünglich bot die Fläche
sechs landwirtschaftlichen Betrieben eine genügende Basis. Im Lauf der Jahrhunderte wurde der
Polder mehrfach von katastrophalen Deichbrüchen betroffen, behielt aber seine Funktion bis heute.
Nur wird er heute offenbar von einem außerhalb gelegenen Betrieb bewirtschaftet. Aber die Spuren
seiner Entwicklung sind noch gut im Landschaftsbild nachvollziehbar. Er ist damit ein Beispiel für die
Entwicklung der Kulturlandschaft Polder an der Marschenküste in vier Jahrhunderten.

























