Die Kirchen rund um die Accumer Ee
11. Juni 2021

Ostfriesland wurde im 8. Jahrhundert christianisiert durch die Missionsarbeit irischer Mönche. Die Kirchen wurden zunächst aus Holz errichtet, da es in diesem Land keine passenden Steine gab. Dabei richteten sich die Baumeister nach den Vorschriften des Alten Testamentes für den Bau des Tempels Salomons. Die Kirche musste rechteckig sein, Türen auf den Nord- (für die Frauen) und Südseiten (für die Männer), kleine Fenster, kein Fenster im Osten, kein Turm, kein Gewölbe. Und sie musste immer auf dem höchsten Hügel in der Umgebung stehen. Das Haus von Gott musste alle anderen überragen.
Diese letzte Bedingung war in unserer flachen Landschaft das größte Problem. Natürlich gab es schon lange die Warften, die künstlichen Hügel zum Schutz gegen die Sturmfluten. Aber die waren zumeist dicht vollgebaut. Deshalb wurde in aller Regel in der Marsch für die Kirche ein Hügel neben die Warft gebaut, aber deutlich höher als die alten Warften. Auf einer Höhenkarte wird dies am Beispiel von Dornum deutlich sichtbar.

Auch die Kirchen auf der Geest wurden auf solchen mächtigen Kirchhügeln errichtet. An den Beispielen von Arle, Fulkum, Westerholt und Westochtersum ist dies deutlich zu sehen. Durch den Deichbau im 12. Jahrhundert wurde der fruchtbare Boden der Marsch ackerfähig. Mit dem Gewinn aus dem Ackerbau konnten die Ostfriesen Steine für ihre Kirchen kaufen. Man kaufte zunächst Tuffstein aus dem Brohltal in der Eifel, der auf dem Wasserweg geliefert wurde. Die Kirchen in Arle, Nesse und in Osterbur wurden aus diesem Stein errichtet. Wenig später kamen Mönche in unserer Region. Die wussten, wie man Ziegel brennen konnte. Das war mit dem Klei der Marsch möglich und auf der Geest mit dem Lauenburger Ton, der heute noch den roten Farbton unserer Häuser bestimmt.

Natürlich wurden die Kirchenbauten nach der jeweils herrschenden Mode immer wieder umgebaut. Sie erhielten einen Glockenturm, die Türen wanderten an die Westseite, für den Altar wurde im Osten ein Chor angebaut, jetzt auch mit Fenstern nach Osten. Manche Kirchen erhielten Gewölbe, die Fenster wurden vergrößert, damit mehr Licht in die Kirche fiel. Nach der Reformation verschwanden zunächst die Bilder aus den Kirchen, die Altäre wurden mit Bibeltexten gestaltet. Geblieben sind oft die romanischen Taufsteine, manchmal aus einem Findling gehauen oder aus dem Münsterland in Sandstein importiert. Damals musste der Täufling völlig im Weihwasser untergetaucht werden, nach der Reformation reichte ein wenig Wasser auf dem Kopf, so dass die Taufbecken kleiner werden konnten.

Wohlhabende Gemeindemitglieder stifteten Ausstattungsstücke für ihre Kirche. Das ging über Kronleuchter aus Messing, Votivschiffe für die Schiffer, die Kanzel für die Predigt und die Altargestaltungen bis hin zu ganzen Orgeln. Offenbar wetteiferte man regelrecht darum und beauftragte die größten Künstler aus der jeweiligen Zeit. In jeder Kirche finden Sie eine Beschreibung der sichtbaren Kunstwerke, auf die wir heute noch stolz sind. Die Accumer Ee war lange Zeit die politische Grenze zwischen Ostfriesland und dem Harlingerland, und in der Kirchenwelt existiert diese Grenze heute noch zwischen den Kirchenkreisen Harlingerland und Norden.

Besonderheiten sind die barocken Kapitänsgrabsteine am Kirchturm in Westeraccum und die
dort gut erhaltenen Melonengewölbe, die herrschaftliche Ausstattung der
Herrlichkeitskirche in Dornum mit der grandiosen Holy-Orgel und der begehbaren
Häuptlingsgruft, das Findlingstaufbecken in Fulkum genauso wie die Taufen aus Baumberger Sandstein in Nesse und in Ochtersum. In Arle überwältigt der mächtige Tuffsteinbau auf einem extrem hohen Kirchhügel, der sich 4 Meter über dem Umland erhebt. Genauso hoch ist der Kirchhügel von Westerholt.

Die Kirche in Roggenstede hat noch einen gewaltigen Wortaltar aus der Reformationszeit, der ursprünglich in Dornum stand, aber hierher abgegeben wurde, als man dort wieder zu einem Bildaltar zurückkehrte. In Arle findet man noch einen romanischen Taufstein aus Bentheimer Sandstein und einen geschnitzten gotischen Bildaltar, der die Reformation überlebt hat. Sowohl in Ochtersum wie in Roggenstede sind noch die Spuren von ehemaligen Gewölben zu beobachten, aber die Balkendecken zeigen eher den ursprünglichen Charakter dieser Kirchenräume. In Resterhafe war nie ein Gewölbe, hier ist noch die ursprüngliche RechteckEinraumkirche zu erkennen. Leider sind nicht alle Kircheninnenräume problemlos zu besichtigen. Über das Internet sind Informationen zu erhalten, ob es möglich ist außerhalb der Gottesdienste. Gehen Sie auf Entdeckungsreise ins Mittelalter, hier rings um die Accumer Ee ist das möglich.
Axel Heinze

Das Westerburer Neuland ist die Marschenlandschaft östlich von Westeraccumersiel. Wenn wir vom Siel aus Richtung Pumpsiel fahren, erstreckt sich rechts der Straße eine flache Marschenlandschaft. Auf der linken Seite folgt die Straße einem alten Seedeich. Hier wurde also offenbar ein früheres Deichvorland durch einen Deich in einen Polder verwandelt. Auffällig ist die Flureinteilung. Im Bereich des Westerburer Neulandes sind es sechs weitgehend parallele Nord-Süd-Streifen, in denen jeweils an der Straße ein landwirtschaftlicher Betrieb zu finden war.

Die Accumer Ee ist ein alter Wasserlauf in der nördlichen ostfriesischen Seemarsch. Marsch ist eine Landschaft, die an der Küste von Gezeitenmeeren entsteht. Das Wort Marsch bedeutet ursprünglich Sumpf, vielleicht verwandt mit unserem heute noch bekannten Wort Matsch. Das war eine natürliche Landschaft, bevor der Mensch daraus eine Kulturlandschaft schuf, die er wirtschaftlich nutzen konnte. Naturlandschaft Diese Naturlandschaft war menschenfeindlich, denn sie wurde bei jeder Sturmflut bis an den Geestrand vom salzigen Meerwasser überflutet. Es gab kein Trinkwasser, denn Brackwasser war für Menschen ungenießbar. Es gab kaum Höhen, auf die man sich bei Überflutungen retten konnte. Es gab keine Wege, nur ein endloses Gewirr von Wasserläufen, die zudem viermal am Tag im Rhythmus der Gezeiten ihre Richtung änderten. Bäume und Sträucher gab es auch nicht, denn die vertrugen das Salzwasser nicht, nur ein endloses Meer von Schilf, das Menschen kaum überblicken konnten. Weitab von der Küste gab es Lagunen mit brackigem Wasser, für Vögel und Insekten geeignet, aber nicht für den Menschen.

Bekanntlich ist Ostfriesland mit Deichen gegen die Gewalt des Meeres geschützt. Diese grünen endlosen mächtigen Wälle kennt jeder. Sie halten das salzige Nordseewasser draußen, vor allem bei Stürmen, aber auch bei normaler Ebbe und Flut. Aber Deiche haben auch eine andere Wirkungen. Sie halten das Regenwasser drinnen, es kann ja nicht über den Deich klettern. Wenn Menschen einen Deich bauen, müssen sie etwas bedenken, um das – manchmal reichliche –- Regenwasser ins Meer zu schaffen. Und diese Einrichtung nennt man „Siel“. Zu Anfang des Deichbaus war das eine hölzerne Röhre durch den Deich. Außen war eine Klappe davor. Bei Niedrigwasser konnte das Wasser die Klappe selbst aufdrücken und frei abfließen. Kam draußen die Flut, drückte sie die Klappe zu. Dann musste das Salzwasser draußen bleiben.

Ein interessanter Aufsatz, den Axel Heinze als Festschrift anlässlich der Verabschiedung von Dr.Bärenfänger (Landschaftsdirektor) verfasste. Auslöser dieser Überlegungen ist das vielfach geäußerte Interesse von Einwohnern des Harlingerlandes an der Weihnachtsflut von 1717 und den Auswirkungen dieser Sturmflut in diesem Gebiet, denn diese Katastrophe hatte wohl hier ihren Schwerpunkt. Glücklicherweise gibt es zahlreiche Augenzeugenberichte, die auch sehr detaillierte Aussagen über das Ausmaß der Schäden erlauben. Trotz der nahezu völligen Zerstörung vieler Siedlungen in der Marsch wurden sie sehr schnell wiederhergestellt und bewohnt, obwohl sich solche Ereignisse doch jederzeit wiederholen konnten. Daraus folgt unmittelbar die Frage: Warum haben Menschen diesen lebensgefährlichen Raum überhaupt erschlossen und welche Fehler haben sie vielleicht bei der Erschließung gemacht? Marsch Unter „Marsch“ wird hier die fast flache Landschaft an einer Gezeitenküste verstanden, die bei normaler Flut nicht überflutet wird, aber bei Sturmfluten – also windbedingt erhöhten Wasserständen – mehrfach im Laufe eines Winters mehr oder weniger vom Wasser überdeckt wird. Handelt es sich um den Küstenbereich eines Meeres, so wird sie von Salzwasser überflutet (Küstenmarsch). In den Ästuarien wird das Wasser zunehmend brackisch bis schließlich ganz süß (Flussmarsch). Dieser Faktor ist entscheidend für die Pflanzengesellschaften, die sich hier entwickeln. Zudem ist die Sedimentation unterschiedlich, aber die Prozesse sind weitgehend vergleichbar (Zur Entstehung des Naturraumes siehe Behre 2008; 2014). Ein weiterer notwendiger Faktor ist ein langsames Anwachsen des Meeresspiegels gegenüber der Landeshöhe. Dabei spielt es keine Rolle, ob der Meeresspiegel wirklich steigt oder der Boden sinkt, die Auswirkung bleibt gleich. Natürliche Höhenunterschiede ergeben sich zum Beispiel durch Uferwälle an Wasserläufen, wo vor allem oberhalb von Prallhängen relativ grobes Material abgelagert wird. Je nach Größe des Gewässerlaufes können solche Wälle Höhen von mehr als einem Meter erreichen, sind aber in ihrer Längenausdehnung immer beschränkt. Anders ist die Entwicklung parallel zur Küstenlinie. Auch hier wird bei Überflutungen gröberes Material in einigem Abstand von der Küstenlinie weitflächig abgelagert und bildet einen flacheren, aber wesentlich breiteren und oft sehr langen küstenparallelen Wall. Für dieses Phänomen wird in der niederländischen Geologie der Begriff „Kwelderwall“ benutzt, der sich als „Küstenwall“ übersetzen lässt. Bäume sind in der natürlichen Küstenmarsch kaum zu erwarten, da unsere Baumarten keinen Salzgehalt im Wasser vertragen. Die dominierende Pflanzenart ist das Schilf (Phragmitis) mit einer recht guten Salzresistenz und einer sehr guten Wasserverträglichkeit. Zudem stellt es keine besonderen Ansprüche an die Bodenart, solange genügend Nährstoffe zur Verfügung stehen. Die Bodenarten sind in der Marsch sehr unterschiedlich. An Korngrößen stehen nur Sand, Ablagerung, da Überflutungswasser hier oft lange Zeit steht und so auch Tonmineralien zur Ablagerung kommen, während Sand hier nicht mehr hingelangt und der Schluff-Anteil immer geringer wird. Schlick entsteht vor allem in der Übergangszone von Salz- und Süßwasser durch Ausfällung und biologische Prozesse, so dass er in der Flussmarsch dominiert und Schluff und Tonmineralien zur Verfügung. Auf den „Wällen“ dominieren Sand und Schluff, eventuell noch begleitet von einzelnen Muschelschalen, da hier die Wasserbewegung für feinere Sedimente zu groß ist. Weiter entfernt von Küste und Wasserläufen gelangt nur Schluff mit unterschiedlich hohen Tonanteilen zur mit zunehmendem Abstand von Fließrinnen fast nur noch als Ton mit einem geringen Schluff-Anteil abgelagert wird.

Auf diesem Foto hat Mirja Harms noch gut 300 Arbeitsstunden und zwölf Wochen vor sich! (Bild: Handwerkskammer) Mittlerweile ist die Wand freigelegt und strahlt im alten Glanz. Im folgenden Bereicht, der am 03.09.20 im Anzeiger für Harlingerland erschien, erfahren Sie neben den Informationen zur Wandfreilegung auch etwas über Mirja Harms und ihren überaus interessanten Beruf als Restauratorin.

Wir hatten das Haus „Am alten Hafen 1“ in Westeraccumersiel erworben, um es zu sanieren und dort das „Zwei-Siele-Museum“ und die K.-H.-Wiechers-Stiftung unterzubringen. Aber bei genauerer Besichtigung des Gebäudes ergab sich ein Hindernis, mit dem wir zunächst nicht gerechnet hatten. Das Haus war immer unbeheizt gewesen, da es nur im Sommer genutzt wurde. Gleichzeitig war der Keller oder besser das ‚Niederhaus‘ durch mangelnde Drainage immer etwas feucht. Zudem fiel durch die Fenster in nordwestlicher Richtung immer ein dämmriges Licht in diese Räume. Genau das sind die Lebensbedingungen, welche die Hirschzunge (Asplenium scolopendrium) bevorzugt; ein geschützter Farn unserer Region, den man sonst nur in Gebirgsschluchten findet. Hier aber wuchs er im Keller eines denkmalgeschützten Hauses dicht an der Küste.



















