Die Marsch
7. Juni 2021
Wenn Sie über die A29 nach Ostfriesland kommen, sehen Sie am rechten Straßenrand eine der jetzt modernen braunen Hinweistafeln, die auf landschaftliche Besonderheiten hinweisen. Da steht mit großen Lettern: „Niedersächsische Marschenlandschaft“. Ich freue mich über diese Tafeln, weil sie Aufmerksamkeit erregen für etwas, was sonst kaum beachtet wird. Aber für mich ist dieses Schild mal wieder typisch ostfriesisch, obwohl es im Landkreis Friesland steht, der bekanntlich nicht zu Ostfriesland gehört.

Die Tafel steht nämlich auf der Geest mit deren typischen Merkmalen, die Marsch kommt erst einige Kilometer später. Offenbar wussten die Planer dieser Tafel auch nicht so genau, was Marsch ist. Aber wenn Sie dann die Abfahrt Zetel passiert haben, erleben Sie, was Marsch ist. Marsch ist flach, schrecklich flach, erschreckend flach. Das gilt in jedem Fall für alle Nicht-Ostfriesen, die daran gewohnt sind, dass zu einer Landschaft ein Relief gehört. Ostfriesen sind das nicht gewohnt, für die ist das völlig normal.

Erschrecken Sie bitte auch nicht, wenn ich Ihnen sage, was ‚Marsch‘ bedeutet, Sie können es schlicht und einfach im englischen Wörterbuch nachschlagen, es heißt einfach „Sumpf“. Aber keine Bange, sie landen hier nicht im Sumpf. Das ist lange her, als es hier kaum Menschen gab, keine Deiche und keine Autobahnen mit Hinweistafeln.
Unser Land sinkt ab. Nur ganz langsam, also kein Grund zum Umkehren. Aber Berge haben hier wenig Chancen. Und dann haben wir Sturmfluten. Heute halten wir die mit Deichen weitgehend draußen. Früher haben die sich weit über das Land hergemacht. Dabei brachten sie Schlick mit, und der blieb zurück, als das Wasser wieder verschwand. So kam Schicht auf Schicht, natürlich völlig flach. Und so entstand die „Marsch“. Das dies natürlich ganz schön sumpfig war, können Sie sich sicher vorstellen.
Aber es hatte auch Vorteile. Jedes Kind weiß heute, dass der Meeresspiegel steigt. Und die Marsch wuchs durch ihre Schlickschichten mit. Durch den Deichbau haben wir diesen Sumpf trockengelegt und heute lässt sich da ganz gut leben und Urlaub machen. Und wir haben davon einen sehr fruchtbaren Boden, da freuen sich die Landwirte drüber. Weil der Boden sehr klebrig ist, wird er Klei genannt; Kleie ist ein anderes Wort für Kleber. Daran gewöhnt man sich. Wenn jemand einmal über einen frisch gepflügten Acker gelaufen ist, weiß er, was es bedeutet. Klei klebt.
Marsch gibt es nur da, wo Sturmfluten hingelangen konnten; hier bei uns an der Küste und in den Flussmündungen. Nur da gibt es diese scheinbar völlig flache Landschaft, einzigartig in unserem Land. Und sie hat auch Vorteile. Der Himmel ist hier größer, so groß können Sie ihn nur auf Alpengipfeln wahrnehmen, und die sind wesentlich mühsamer zu erreichen als Ostfriesland über die A29. Und noch etwas: Sie können zwei Stunden vorher sehen, wer zum Tee kommt.
Auf nach Ostfriesland!
Allerdings sollte man die Tafel an die richtige Stelle stellen.
Axel Heinze

Das Westerburer Neuland ist die Marschenlandschaft östlich von Westeraccumersiel. Wenn wir vom Siel aus Richtung Pumpsiel fahren, erstreckt sich rechts der Straße eine flache Marschenlandschaft. Auf der linken Seite folgt die Straße einem alten Seedeich. Hier wurde also offenbar ein früheres Deichvorland durch einen Deich in einen Polder verwandelt. Auffällig ist die Flureinteilung. Im Bereich des Westerburer Neulandes sind es sechs weitgehend parallele Nord-Süd-Streifen, in denen jeweils an der Straße ein landwirtschaftlicher Betrieb zu finden war.

Die Accumer Ee ist ein alter Wasserlauf in der nördlichen ostfriesischen Seemarsch. Marsch ist eine Landschaft, die an der Küste von Gezeitenmeeren entsteht. Das Wort Marsch bedeutet ursprünglich Sumpf, vielleicht verwandt mit unserem heute noch bekannten Wort Matsch. Das war eine natürliche Landschaft, bevor der Mensch daraus eine Kulturlandschaft schuf, die er wirtschaftlich nutzen konnte. Naturlandschaft Diese Naturlandschaft war menschenfeindlich, denn sie wurde bei jeder Sturmflut bis an den Geestrand vom salzigen Meerwasser überflutet. Es gab kein Trinkwasser, denn Brackwasser war für Menschen ungenießbar. Es gab kaum Höhen, auf die man sich bei Überflutungen retten konnte. Es gab keine Wege, nur ein endloses Gewirr von Wasserläufen, die zudem viermal am Tag im Rhythmus der Gezeiten ihre Richtung änderten. Bäume und Sträucher gab es auch nicht, denn die vertrugen das Salzwasser nicht, nur ein endloses Meer von Schilf, das Menschen kaum überblicken konnten. Weitab von der Küste gab es Lagunen mit brackigem Wasser, für Vögel und Insekten geeignet, aber nicht für den Menschen.

Ostfriesland ist reich an mittelalterlichen Kirchen! Alleine im Einzugsbereich der Accumer Ee gab es elf mittelalterliche Kirchenbauten. Eine – die Kirche von Osterbur – wurde ein Opfer der Sturmfluten, aber der Rest kann sich durchaus sehen lassen. Gönnen Sie sich diese Augenweide mittelalterlicher Baukunst.

Bekanntlich ist Ostfriesland mit Deichen gegen die Gewalt des Meeres geschützt. Diese grünen endlosen mächtigen Wälle kennt jeder. Sie halten das salzige Nordseewasser draußen, vor allem bei Stürmen, aber auch bei normaler Ebbe und Flut. Aber Deiche haben auch eine andere Wirkungen. Sie halten das Regenwasser drinnen, es kann ja nicht über den Deich klettern. Wenn Menschen einen Deich bauen, müssen sie etwas bedenken, um das – manchmal reichliche –- Regenwasser ins Meer zu schaffen. Und diese Einrichtung nennt man „Siel“. Zu Anfang des Deichbaus war das eine hölzerne Röhre durch den Deich. Außen war eine Klappe davor. Bei Niedrigwasser konnte das Wasser die Klappe selbst aufdrücken und frei abfließen. Kam draußen die Flut, drückte sie die Klappe zu. Dann musste das Salzwasser draußen bleiben.

Ein interessanter Aufsatz, den Axel Heinze als Festschrift anlässlich der Verabschiedung von Dr.Bärenfänger (Landschaftsdirektor) verfasste. Auslöser dieser Überlegungen ist das vielfach geäußerte Interesse von Einwohnern des Harlingerlandes an der Weihnachtsflut von 1717 und den Auswirkungen dieser Sturmflut in diesem Gebiet, denn diese Katastrophe hatte wohl hier ihren Schwerpunkt. Glücklicherweise gibt es zahlreiche Augenzeugenberichte, die auch sehr detaillierte Aussagen über das Ausmaß der Schäden erlauben. Trotz der nahezu völligen Zerstörung vieler Siedlungen in der Marsch wurden sie sehr schnell wiederhergestellt und bewohnt, obwohl sich solche Ereignisse doch jederzeit wiederholen konnten. Daraus folgt unmittelbar die Frage: Warum haben Menschen diesen lebensgefährlichen Raum überhaupt erschlossen und welche Fehler haben sie vielleicht bei der Erschließung gemacht? Marsch Unter „Marsch“ wird hier die fast flache Landschaft an einer Gezeitenküste verstanden, die bei normaler Flut nicht überflutet wird, aber bei Sturmfluten – also windbedingt erhöhten Wasserständen – mehrfach im Laufe eines Winters mehr oder weniger vom Wasser überdeckt wird. Handelt es sich um den Küstenbereich eines Meeres, so wird sie von Salzwasser überflutet (Küstenmarsch). In den Ästuarien wird das Wasser zunehmend brackisch bis schließlich ganz süß (Flussmarsch). Dieser Faktor ist entscheidend für die Pflanzengesellschaften, die sich hier entwickeln. Zudem ist die Sedimentation unterschiedlich, aber die Prozesse sind weitgehend vergleichbar (Zur Entstehung des Naturraumes siehe Behre 2008; 2014). Ein weiterer notwendiger Faktor ist ein langsames Anwachsen des Meeresspiegels gegenüber der Landeshöhe. Dabei spielt es keine Rolle, ob der Meeresspiegel wirklich steigt oder der Boden sinkt, die Auswirkung bleibt gleich. Natürliche Höhenunterschiede ergeben sich zum Beispiel durch Uferwälle an Wasserläufen, wo vor allem oberhalb von Prallhängen relativ grobes Material abgelagert wird. Je nach Größe des Gewässerlaufes können solche Wälle Höhen von mehr als einem Meter erreichen, sind aber in ihrer Längenausdehnung immer beschränkt. Anders ist die Entwicklung parallel zur Küstenlinie. Auch hier wird bei Überflutungen gröberes Material in einigem Abstand von der Küstenlinie weitflächig abgelagert und bildet einen flacheren, aber wesentlich breiteren und oft sehr langen küstenparallelen Wall. Für dieses Phänomen wird in der niederländischen Geologie der Begriff „Kwelderwall“ benutzt, der sich als „Küstenwall“ übersetzen lässt. Bäume sind in der natürlichen Küstenmarsch kaum zu erwarten, da unsere Baumarten keinen Salzgehalt im Wasser vertragen. Die dominierende Pflanzenart ist das Schilf (Phragmitis) mit einer recht guten Salzresistenz und einer sehr guten Wasserverträglichkeit. Zudem stellt es keine besonderen Ansprüche an die Bodenart, solange genügend Nährstoffe zur Verfügung stehen. Die Bodenarten sind in der Marsch sehr unterschiedlich. An Korngrößen stehen nur Sand, Ablagerung, da Überflutungswasser hier oft lange Zeit steht und so auch Tonmineralien zur Ablagerung kommen, während Sand hier nicht mehr hingelangt und der Schluff-Anteil immer geringer wird. Schlick entsteht vor allem in der Übergangszone von Salz- und Süßwasser durch Ausfällung und biologische Prozesse, so dass er in der Flussmarsch dominiert und Schluff und Tonmineralien zur Verfügung. Auf den „Wällen“ dominieren Sand und Schluff, eventuell noch begleitet von einzelnen Muschelschalen, da hier die Wasserbewegung für feinere Sedimente zu groß ist. Weiter entfernt von Küste und Wasserläufen gelangt nur Schluff mit unterschiedlich hohen Tonanteilen zur mit zunehmendem Abstand von Fließrinnen fast nur noch als Ton mit einem geringen Schluff-Anteil abgelagert wird.

Auf diesem Foto hat Mirja Harms noch gut 300 Arbeitsstunden und zwölf Wochen vor sich! (Bild: Handwerkskammer) Mittlerweile ist die Wand freigelegt und strahlt im alten Glanz. Im folgenden Bereicht, der am 03.09.20 im Anzeiger für Harlingerland erschien, erfahren Sie neben den Informationen zur Wandfreilegung auch etwas über Mirja Harms und ihren überaus interessanten Beruf als Restauratorin.

Wir hatten das Haus „Am alten Hafen 1“ in Westeraccumersiel erworben, um es zu sanieren und dort das „Zwei-Siele-Museum“ und die K.-H.-Wiechers-Stiftung unterzubringen. Aber bei genauerer Besichtigung des Gebäudes ergab sich ein Hindernis, mit dem wir zunächst nicht gerechnet hatten. Das Haus war immer unbeheizt gewesen, da es nur im Sommer genutzt wurde. Gleichzeitig war der Keller oder besser das ‚Niederhaus‘ durch mangelnde Drainage immer etwas feucht. Zudem fiel durch die Fenster in nordwestlicher Richtung immer ein dämmriges Licht in diese Räume. Genau das sind die Lebensbedingungen, welche die Hirschzunge (Asplenium scolopendrium) bevorzugt; ein geschützter Farn unserer Region, den man sonst nur in Gebirgsschluchten findet. Hier aber wuchs er im Keller eines denkmalgeschützten Hauses dicht an der Küste.


















